Leseproben

To do or not to do

 

Der Zug rattert monoton durch ein konturloses Grau. Dicke Regentropfen prasseln gegen die Scheibe und bilden zitternde Rinnsale. Anton wendet den Blick ab. Er sieht hinüber zu der Frau, die sich vor einigen Minuten zu ihm ins Abteil gesetzt hat. Sie hat die Beine übereinandergeschlagen und liest konzentriert in einem Buch, hin und wieder streicht sie eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht. Vorhin beim Eintreten hatte sie ihm ein strahlendes Lächeln geschenkt. Anton hatte gehofft, mit ihr ins Gespräch zu kommen, doch seit sie das Buch aufgeschlagen hat, scheint er in ihrem Bewusstsein nicht mehr zu existieren. Anton sieht zurück auf die vorbeifliehende Landschaft, Bäume, Wiesen, Felder; Bäume, Wiesen, Felder. Der Zug rattert. Rattert. Rattert …

 

„Kaffee oder Tee, der Herr?“ Ein lustiges Kerlchen in Uniform hat die Tür aufgerissen und deutet auf einen vollbeladenen Servicewagen. Seine dunklen, pomadigen Haare und der fein geschwungene Schnäuzer verleihen ihm das Aussehen eines Zirkusdirektors. Anton bestellt einen Kaffee, schwarz wie die Nacht. Er zückt seine Geldbörse. „Was ist mit der Dame?“, fragt er und deutet in Richtung seiner Abteilnachbarin.

 

„Heute nicht“, sagt der Verkäufer mit einem Zwinkern. Anton reicht ihm die abgezählten Münzen und nimmt den Kaffee. Sein Blick wandert irritiert zwischen dem Verkäufer und der Frau hin und her. Sie hat nicht ein einziges Mal aufgeblickt, seit die Tür geräuschvoll geöffnet wurde, mit keiner Regung gezeigt, ob sie von dem Gespräch irgendetwas wahrnimmt.

 

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragt der Zirkusdirektor und fixiert Anton mit einem seltsamen Blick.

 

„Nein … Nein danke“, entgegnet Anton.

 

„Wirklich nicht ...?“ Ein feines Lächeln umspielt die Lippen des Verkäufers. „Ist es nicht so, dass Sie sich für diese junge Dame hier interessieren? Keine Angst, sie bekommt nichts mit“, fügt er hinzu, als Anton bei seinen letzten Worten entsetzt zu der Frau hinübersieht. Zum Beweis beugt er sich ein wenig vor und wedelt mit seiner Hand direkt vor ihrem Gesicht, ohne die leiseste Reaktion auszulösen. Er richtet sich auf und greift in seine Westentasche, holt einen kleinen, in goldglänzendes Papier gewickelten Würfel hervor und hält ihn zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe. Anton beobachtet ihn sprachlos.

 

„Ich habe hier ein Stück Zucker. Keinen gewöhnlichen, versteht sich … Wenn Sie ihn in Ihrem Kaffee auflösen und trinken, werden Sie sich verändern. Ihre Ausstrahlung wird sich ändern. Sie werden unwiderstehlich sein für die Person, bei der Sie es sich wünschen.“ Der Zirkusdirektor wirft einen vielsagenden Blick auf die lesende Frau. „Ist sie nicht hinreißend? Ich garantiere Ihnen“, fügt er leise hinzu und nickt, „Sie werden die Finger nicht voneinander lassen können. Selbstverständlich nur für den Fall, dass Sie es so wollen! Vergessen Sie mein Angebot, wenn Sie mit Ihrem Leben zufrieden sind, so, wie es ist …“

 

...

Lebenslänglich

 

Eben noch war er ein ganz gewöhnlicher Passant, einer von denen, die mit hochgezogenen Schultern durch den Regen eilen. Doch dann fällt sein Schlüssel zu Boden. Er bückt sich und greift nach ihm. Sein Blick fällt auf ein durchweichtes Stück Papier zu seinen Füßen, einen kleinen Zettel mit einer Adresse, handschriftlich notiert in alter, deutscher Schrift. Ein plötzlicher Schwindel erfasst ihn. Benommen richtet er sich auf, sein Kopf schmerzt. Das Herz schlägt ihm wie einer Maus in der Falle.

 

Er hat den Zettel schon einmal gesehen. Obwohl, nein, nicht diesen ...

 

Verwirrt reibt er sich über den Nacken und starrt auf das Papier. Er bemerkt nicht, wie der Regen ihn langsam durchnässt.

 

Wie oft hatte sie ihm solche Zettel, meistens Einkaufslisten, in die Hand gedrückt, verfasst in eben dieser gestochenen Handschrift?

 

Als er noch klein war, hatte seine Großmutter ihn geliebt, aber irgendwann hatte sie damit aufgehört. Außer seiner Mutter war sie die Einzige, die sich jemals für ihn interessierte; sein Vater war ein lausiger Hund, der nur selten auftauchte und hart zuschlagen konnte. Einzig seine Mutter hatte immer zu ihm gehalten, unerschütterlich, selbst dann noch, als er sie immer öfter enttäuschte. Und obwohl sie sonst eher schwach war, hatte sie es strikt abgelehnt, ihn in ein Kinderheim zu geben. Immer wieder hatte die Großmutter auf sie eingeredet, abends, wenn sie dachte, er läge in seinem Bett und würde es nicht hören …

 

...

Pfeile werfen

 

Wie eine Mörderin sieht sie nicht aus, dachte der Kommissar. Aber auf das Äußere war leider nur selten Verlass. Die Frau des kürzlich Verstorbenen hatte ihn einen Moment lang fragend angesehen, doch schließlich ohne Weiteres hereingebeten und in das großzügige Wohnzimmer geleitet, dessen Kopfseite nahtlos in einen Wintergarten überging und ein überwältigendes Gartenpanorama in Weiß bot. Im Kamin rechts an der Wand knisterte ein Feuer und verbreitete eine behagliche Wärme. Der Kommissar rieb sich ein wenig die kalten Hände. An der gegenüberliegenden Wand reihte sich eine schier endlose Zahl von Büchern in einem Regal aneinander, das bis unter die Decke reichte. Es roch vage nach Harz und dem Vanillearoma des Tees, der in einer schweren Steingutkanne auf dem kleinen Tisch stand und von dem der Kommissar jetzt dankend eine Tasse entgegennahm.

 

Die Frau war um die Mitte fünfzig und eine angenehme Erscheinung. Das gepflegte, ungefärbte Haar trug sie zu einem Zopf zusammengebunden. Aufmerksam ließ sich der Kommissar in den angebotenen Sessel sinken. Die Frau nahm auf dem Sofa Platz, auf dem sie vorher schon gesessen haben musste, einer halbvollen Tasse und der nur notdürftig zusammengelegten Decke nach zu urteilen. Das Sofa war in der Mitte des Raumes zum Garten hin aufgestellt worden. Wie ein Kinosessel zur Leinwand, schoss es dem Kommissar durch den Kopf.

 

Er räusperte sich. „Erst mal noch mein Beileid. Ich will Sie auch gar nicht lange stören.“

 

Die Frau nickte. „Sie sagten, Sie haben Fragen wegen einer jungen Frau, die verunglückt ist. Der Name, den Sie eben erwähnt haben, sagt mir nichts.“

 

„Nun … zumindest Ihr Mann scheint sie gekannt zu haben.“ Der Kommissar beugte sich ein wenig vor.

 

„Es tut mir leid, Frau Bergen. Es sieht so aus, als hätten Ihr Mann und diese Frau eine Affäre gehabt.“ Gespannt erwartete er ihre Reaktion. „Es gibt entsprechende Hinweise.“

 

Sabine Bergen ließ den Blick sinken. Die Regung in ihrem Gesicht war schwer zu deuten. Sieh an, dachte der Kommissar.

 

...